Interview mit Prof. Schnepel zum Abschied

Prof. Schnepel, hat die Ethnologie eine Zukunft?

Möglicherweise.

Burkhard Schnepel darf in seinem neuen Domizil in Küstennähe nicht nur auf seine Professur für Ethnologie, an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zurückblicken, auch auf weitere Aktivitäten, als Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Regionalstudien, MLU, Fellowship an der Max-Planck Gesellschaft, u.v.m.

(Im Sonnenuntergang an der Flensburger Förde. Foto: Burkhard Schnepel)

Nach über 20 Jahren Arbeit der Lehre am Institut für Ethnologie an der Martin-Luther-Universität Wittenberg-Halle sowie dessen Gründung, verabschiedet sich Herr Professor Burkhard Schnepel in den Ruhestand. Wir durften Ihm zum Abschied einige Fragen stellen und wünschen viel Freude beim Lesen der interessanten und kurzweiligen Antworten. Die Institutsgruppe Ethnologie sammelte zum Abschied die Fragen der Studierendenschaft und bündelte Sie in diesem Interview. 

(1) Lieber Herr Professor Schnepel, im Institutsgarten findet sich ein Birnenbaum, gewidmet Ihrem ehemaligen Kollegen und gemeinsamen Begründer des Instituts Prof. Rottenburg. Stellen Sie sich nun bitte vor, dass daneben eine Tafel mit einer Widmung an Sie platziert wird. Sind Sie eher ein Apfelbaum? Womit dürfen wie Sie erinnern?

Ein roter Ahorn-Baum, – der leuchtet so schön im Herbst. 

Ansonsten, alles was im Frühling blüht und die Bienen erfreut.

(2) Welche Momente während Ihrer akademischen Laufbahn erinnern Sie besonders gerne?

Die Vorlesungen von Jacob Taubes im Berlin der späten 1970er-, frühen 1980er Jahre.

(3) Seit Gründung des Instituts für Ethnologie sind über 20 Jahre vergangen. Wenn Sie heute auf die Zeit des Aufbaus, der Hürden und weiteren Entwicklung bis heute zurückblicken.

a. Sind Ihre Erwartungen erfüllt worden?

Nicht ganz.

b. Was waren oder sind die größten Herausforderungen?

Auch in finanziell schlechten Zeiten weiter gute Lehre anbieten und spannende Forschung betreiben; dabei kollegial und menschlich bleiben.

c. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mehr Geld (für die Uni)

(4) ‚Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr‘ – ein Spruch, den Sie Erstsemesterstudent:innen gerne mit auf den Weg geben, wenn es um die Einführung in die Ethnologie geht. 

a. Was war für Sie persönlich ein Zugang, der früh in Ihrer akademischen Laufbahn wichtig war? 

Lesen, lesen, lesen

b. Gibt es etwas, dem Sie rückblickend gerne mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätten?

Erkundungstrip im Rahmen meiner Forschungen zum Indischen Ozean in die Inselwelt Südostasiens (Banda-Inseln, u.a.m.)

(5) Wie sah ein üblicher Tag in Ihrem Leben während Ihrer Zeit an der Oxford University aus?

Jeden Tag mindestens fünfzig Seiten lesen und eine halbe Seite schreiben. 

Ansonsten: lange Spaziergänge an der Themse;   Kino;   Horse and Jockey oder Gardeners Arms auf ein Bier;   Top of the Pops und Eastenders auf BBC gucken (immer donnerstags); fast täglich ’socializing‘ mit Dinner im College;   an Wochenenden Ausflüge in die Cotswolds (Inspector Barnaby) oder nach London).

(6) Sie sind als Vertreter der British School of Social Anthropology bekannt. Stehen Sie damit für eine konservative Art der Lehretätigkeit? Wie stark gewichten Sie selbst Ihre Prägung?

Die britische Schule der Social Anthropology wurde in den siebziger und achtziger Jahren am Berliner Institut für Ethnologie, an dem ich bis zum Magister studierte, mit progressivem Gedankengut (Stichwort: ‚Gesellschaften ohne Staat‘) neu rezipiert und kritisch in viele innovative und einsichtsvolle Richtungen weiterentwickelt. Das Etikett ‚konservativ‘ passt dabei nicht, sonst hätte sich die ‚Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde‘ ganz bestimmt nicht vor ein paar Jahren in ‚Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie‘ umgetauft. 

(7) Wie haben Sie selbst die Writting Culture Debatte erlebt und wie sehen Sie die postmoderne Ethnologie?

Die Writing Culture-Debatten habe ich als äußerst inspirierend und neue Wege weisend wahrgenommen; aber in einem in Berlin angesiedelten DFG-Programm mit dem Titel ‚Theatralität als kulturelles Modell‘, an dem ich in den späten 1990er Jahren fünf Jahre lang mit Forschungsprojekten beteiligt war, habe ich auch von der sogenannten ‚performative Wende‘ zahlreiche Anregungen für meine damaligen Indien-Studien erfahren und dabei die Metapher von ‚Kultur als Text‘ unter Goffmans Motto ‚Wir alle spielen Theater‘ ausgeweitet.

(8) Wenn unsere Disziplin immer wieder neu definiert wird, wo zeigt sich die Einheit in der bunten Vielfalt? Sehen Sie einen neuen ‚Turn‘ in der akademischen Ausrichtung? 

Mein MPI-Projekt zum Indischen Ozean (2014-2021) trug den Obertitel ‚Connectivity in Motion‘; das war gewissermaßen als eine Weiterführung von ANT-Ideen unter Hinzufügung der neu aufkommenden Mobility Studies mit einer maritimen und ethnohistorischen Ausrichtung konzipiert. Da sind also einige ‚turns‘ mitgedacht, aber nicht als dogmatische Lehren, sondern immer mit Bezug auf empirisch formulierten Fragestellungen und Problembereiche, etwa Inseln als Hubs oder maritime Austauschbeziehungen und Translationen.

(9) Die vielen erfolgreichen Absolvent:innen des ethnologischen Instituts an der Martin-Luther-Universität Halle sind sicher erst durch eine qualitativ hochwertige Lehre und ein positives Lehr- und Lernumfeld ermöglicht worden. Nun scheint es einige Herausforderungen zu geben, die an den hervorragenden Bedingungen am Institut Zweifel aufkommen lassen.

a. Im Zuge der aktuellen Kürzungsdebatte an der MLU wurde deutlich, dass offenbar nur durch die hohe Drittmitteleinwerbung, der engen Zusammenarbeit mit dem MPI und dem persönlichen Einsatz der Professoren eine Kürzung abgewendet werden konnte. Wie wirken sich diese Debatten auf die Lehrtätigkeit aus?

Nicht positiv.

b. Denken Sie, dass es direkte Konsequenzen für das Ethnologische Institut gibt?

Direkt nicht, aber indirekt.

c. Sehen Sie die Nachfolge Ihrer Professur dadurch gefährdet?

Nein.

d. Welchen Rat haben Sie für alle am Prozess beteiligten Personen?

Gelassen, aber wachsam und mutig bleiben und notfalls mal mit der Faust auf den Tisch hauen.

(10) Gerne möchten wir Ihnen noch einige wenige Fragen stellen, und um eine schnelle, kurze Antwort bitten:

a. In der Aufzeichnung Ihrer letzten Einführungsveranstaltung in die Ethnologie, meinten Sie, mittlerweile hätten Sie „Netflix leer geguckt“. Haben Sie zwischenzeitlich eine neue Film- oder Serienempfehlung?

‚Luther‘, alle fünf Staffeln. Jetzt warten meine Frau und ich auf die nächste Staffel, ich glaube es ist die siebte, von ‚The Crown‘. Alle anderen Staffeln haben wir schon auf deutsch und englisch ‚ge-binge-watched‘.

b. Haben Sie während ihrer Feldforschung ein Getränk, ein Essen oder Gewürz kennengelernt, dass Sie begeistert hat und seitdem begleitet?

Während der Feldforschungen in Afrika und Indien habe ich am liebsten Wasser getrunken, von dem man sicher sein konnte, dass es bekommt. Was Essen angeht, so liebe ich gute indische Restaurants; dann gerne etwas sehr Würziges mit Chicken.

c. Hat die Ethnologie eine Zukunft?

Möglicherweise.

(11) Welche Worte möchten Sie den Student:innen und Kolleg:innen abschließend mit auf den Weg geben?

Bitte fragen Sie sich immer: Was macht und kann die Sozialanthropologie speziell, was andere Fächer nicht machen und können? So wird unser Fach vielleicht auch in zehn Jahren noch von anderen Fächern zu unterscheiden sein und von diesen weiter als innovativ, geistreich und erkenntnisreich (und nicht nur als Abklatsch dessen, was sie selbst machen und besser können), betrachtet und geschätzt werden.

Die Institutsgruppe Ethnologie dankt Ihnen herzlich für das Interview und wünscht Ihnen einen erfüllten Ruhestand, blühende Bienenwiesen im Frühjahr und leuchtende Ahornbäume im Herbst.

Danke für Ihr vielfältiges Engagement, lieber Herr Professor Schnepel.

Das Interview wurde aus gegebenem Anlass schriftlich geführt.

Institutsgruppe Ethnologie – Halle, März 2022